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Schreibblockaden entstehen nicht aus Unfähigkeit. Auch routinierte Wissenschaftler, Journalisten und Autoren sitzen manchmal vor dem leeren Blatt und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Schreiben, ob nun wissenschaftlich oder nicht, ist ein sehr persönlicher Prozess, in den sehr viele auf den ersten Blick nicht erkennbare Faktoren hineinspielen. Falls Du Probleme hast, beim Schreiben Deiner wissenschaftlichen Arbeit weiterzukommen, gibt es ein paar Lösungsstrategien, mit deren Hilfe Du versuchen kannst, die Räder wieder zum Rollen zu bringen.

Fachlich top, schriftlich Flop?

Der deutsche Linguist Gisbert Keseling ist bekannt für seine Analyse der beim Schreiben involvierten kognitiven Prozesse. Er stellte fest, dass viele Studierende und wissenschaftliche Mitarbeiter Schwierigkeiten hatten schriftliche Arbeiten zu verfassen, selbst wenn sie sich in dem Thema ohne weiteres auskannten. In seinem Marburger Schreiblabor half er von 1993 bis 2000 vielen Wissenschaftlern ihre Schreibblockade zu überwinden.

Dabei ging er von zwei Voraussetzungen aus:

1. Die meisten Schreibstörungen sind auf in effektive Schreibstrategien zurückzuführen.

2. Die Störungen lassen sich beheben, wenn es gelingt ineffektive Strategien durch effektivere zu ersetzen.

Die falsche Strategie?

Um den Fehler in der eigenen Strategie zu finden, muss zuerst das eigene Vorgehen reflektiert und analysiert werden. Wo genau hakt es? Was ist das Problem? Wie sah der Vorgang bisher aus? Gab es einen Plan, ist dieser flexibel? Wie gestalten sich das Formulieren und die Revision?

Am wichtigsten ist jedoch die Beobachtung während des Schreibprozesses selbst. Wer sich nicht an einen Experten wenden will, muss üben, sich selbst beim Schreiben zu beobachten, und sein Vorgehen, seine Gedankengänge, seine Motivation und seine Emotionen wahrzunehmen und festzuhalten, wie diese sich auf den Schreibprozess auswirken.

Die 5 häufigsten Störungsformen bei Schreibblockaden im Studium

Das Schreiblabor um Keseling hat Menschen mit Schreibblockaden in fünf Typen einteilen können. Natürlich ist jeder Mensch individuell, aber oft helfen Tipps und Strategien für den Typ, der einem am ehesten entspricht, schon immens weiter.

1) Der frühe Starter

Dieser Typ lebt nach dem Motto: Wissenschaftlich Schreiben heißt vor allem: Schreiben! Deshalb fängt er unmittelbar an zu schreiben, weil er weiß, dass am Ende zählt, dass etwas auf dem Blatt steht. Der Kopf fängt ohnehin am besten zu arbeiten, wenn man ihn der Situation aussetzt. Das ist keine von vorneherein schlechte oder ineffektive Strategie. Doch manchmal passiert es, dass er sich verrennt, nicht mehr weiter weiß und ihm das Material ausgeht. Das liegt an Konzeptbildungsproblemen.

Oft kämpft der frühe Starter mit Ungeduld, wenn es mal etwas schwieriger wird und er hat Probleme Sachen zu Ende zu führen, wenn es nicht so läuft, wie er sich das vorgestellt hat. Wenn er kann, schreibt er große Textpassagen an einem Stück, vermeidet aber eher bereits Geschriebenes wieder zu lesen und zu redigieren.

Um eine Schreibblockade im Studium zu überwinden, kann er:

  • Vor jeder neuen Schreibsitzung einen Plan darüber aufstellen, was er in dieser Sitzung schreiben möchte. Gut ist es auch, mit jemand anderem diesen Plan durchzusprechen, damit dieser eventuelle logische Brüche und Ungereimtheiten hinterfragen kann.
  • Die eigene Einstellung zum Ändern und Überarbeiten eines Textes hinterfragen. Selbst der beste Autor mit einem großartigen Plan verrennt sich manchmal. Zwinge Dich regelmäßig dazu, das von Dir Geschriebene erneut durchzulesen und zu einem Ganzen zusammenzufügen.

2) Probleme beim Zusammenfassen

Typ 2 fällt es schwer beim Lesen auf die Kernaussagen des Textes zu achten. Er verliert sich im Text und hat Schwierigkeiten sich auf das Wesentliche zu beschränken. Vielleicht hat er Angst, etwas Wichtiges wegzulassen und fürchtet sich davor mit seiner eigenen Diskriminierung in wichtige und unwichtige Aussagen eines Textes falsch zu liegen. Seine wissenschaftliche Arbeit ist deshalb oft eine Ansammlung von Zitaten erheblicher Länge.

In wissenschaftlichen Arbeiten geht es vornehmlich um die Formulierung eigener Gedanken. Wissenschaftliche Literatur dient dazu diese Gedanken in fundiertem Wissen zu begründen und oft werden dafür nur einzelne, aus dem Zusammenhang herauslösbare Erkenntnisse benötigt. Dies lässt sich nur erreichen, wenn man wissenschaftliche Literatur mehr als Hilfsmittel begreift, anstatt als Autorität.

Um eine Schreibblockade im Studium zu überwinden, kann er:

Das Zusammenfassen üben. Glücklicherweise lässt sich das Kondensieren eines Textes auf seine Kerngedanken durch stete Übung erlernen. Dazu musst Du Dir regelmäßig ein Textstück vornehmen, es zweimal lesen, es dann weglegen und in wenigen Sätzen zusammenfassen. Allmählich führt dies dann auch zu größerer Sicherheit und dem notwendigen Selbstvertrauen.

3) Lange Vorarbeit

Gehörst Du zu den Studenten, die niemals aus der Planungsphase herauszufinden scheinen? Entwirfst Du immer wieder neue Gliederungen, veränderst beim Schreiben das ursprüngliche Konzept oder merkst irgendwann, dass Dein Plan nicht zu Deiner eigentlichen Arbeit passt? Auch hier liegt eine Art von Konzeptbildungsstörung vor.

Niemand bringt einem wirklich bei, wie man eine wissenschaftliche Arbeit in richtig plant und das stimmige Konzept dazu entwirft. Manche wissen deshalb nicht, dass es darauf ankommt, eine klare Fragestellung zu formulieren und dieser alles logisch unterzuordnen. Oder: Dass es nicht darauf ankommt, all das Wissen zu verarbeiten, was irgendwie zum Themenbereich gehört. Andere wissen es vielleicht theoretisch, gestalten jedoch aus emotionalen Gründen ihre Praxis anders. Typ 3 muss deshalb vor allem seine Prioritäten festsetzen.

Um eine Schreibblockade im Studium zu überwinden, kann er:

Nur eine genaue Untersuchung der eigenen Konzeptbildung vornehmen. Wenn Du die sachliche Problematik immer wieder durchdenkst, und dabei Dich selbst und Deine eigene Einstellung reflektierst, wirst Du irgendwann auf die verborgene Lücke stoßen.

4) Ärger mit dem inneren Adressaten

Der Prozess der schriftlichen Kommunikation ist der mündlichen Kommunikation entlehnt. Zwar gibt es zwischen wissenschaftlicher Arbeit und persönlichem Gespräch einen großen Unterschied, doch auch wenn wir alleine vor dem Blatt sitzen, wenden wir uns innerlich beim Schreiben an eine Art Adressat. Mit diesem Adressat sind Erwartungen verknüpft; man kann sich etwas von ihm erhoffen oder befürchten.

Typ 4 hört beim Schreiben ständig eine negative Stimme: Du schreibst zu langsam, du formulierst nicht schön, ist es denn wirklich wahr/logisch/nützlich, was du da schreibst? Schreiben wird deshalb zu einer Qual, geht sehr langsam voran und wird oft lange hinausgeschoben. Warum etwas anfangen, was ohnehin nicht gut werden kann?

Um eine Schreibblockade im Studium zu überwinden, kann er:

  • Die Technik des automatischen Schreibens anwenden. Dazu musst Du vor jeder Schreibsitzung 10 Minuten lang alles aufschreiben, was Dir durch den Kopf geht. Pausen sind nicht erlaubt, selbst kurze nicht.
  • Sich einen wohlwollenden Adressaten vorstellen. Selbst wenn der Professor alles weiß, der Lehrer früher jeden Orthographiefehler streng geahndet hat und die eigenen Eltern immer Probe gelesen haben, ob auch alles richtig sei: Du musst Dir vorstellen, Du schreibst an einen Freund oder einen freundlichen Interessierten. Dieser wird nicht nach Fehlern suchen, sondern versuchen Dich zu verstehen. Halte ihn bei der Stange und überzeuge ihn von Deinen Überlegungen!

5) Der fehlende Adressat

Bist Du überzeugt davon, dass niemand Deine Arbeit lesen wird? Dass sie für niemanden von Interesse ist? Dass das, was Du schreibst, keinen wirklichen Sinn und Nutzen hat? Dann gehörst Du zu Typ 5, der keinen inneren Adressat besitzt. Vielleicht hast Du als Kind die Erfahrung gemacht, dass Deinen Eltern oder Lehrern egal ist, was Du leistest oder schreibst. Deshalb fällt es dir jetzt wirklich schwer, die Motivation und die Disziplin dafür aufzubringen eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben.

Typ 5 kann oft keinen Anfang finden und sich einfach nicht an den Schreibtisch bringen. Selbst mit guter Planung, einem stimmigen Konzept und guten Schreibfähigkeiten schafft er es nicht den Schreibprozess zu verfolgen.

Um eine Schreibblockade im Studium zu überwinden, kann er:

  • Versuchen, die anderen Störungen auszuschließen. Manchmal hilft ein fester Plan, dem man sich verschreibt, über das Gefühl der Sinnlosigkeit hinweg.
  • Versuchen, Leute zu finden, die sich für das Geschriebene interessieren. Vielleicht kann sich ein Freund für Dein Thema begeistern, oder ein Verwandter, oder Gleichgesinnte im Internet. Nur wenn Du die Vorstellung verlierst, dass das, was Du machst, niemanden interessiert, kannst Du diese Schreibblockade langfristig überwinden. Das kann aber durchaus lange dauern. Trotzdem solltest Du nie den Mut verlieren: Du weißt nie, ob Du nicht irgendwann mal wirklich jemandem weiterhelfen kannst.

Viele Studierende, die sich mit Schreibblockaden plagen, erleben eine Mischung aus diesen fünf Störungstypen. Aber es hilft, sie einzeln zu identifizieren und gezielt gegen sie vorzugehen. Wenn Du von selbst nicht weiter kommst, wende Dich an Schreibberatungen, die es an fast jeder Uni gibt oder an eine akademische Ghostwriter-Agentur. Viel Glück!

Chefschreiber

Geboren Ende der 70'er Jahre in Wien, seit 2002 in St. Gallen, Doktor der VWL

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Von Chefschreiber

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Ein Gedanke zu “Was tun bei Schreibblockaden im Studium?”

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